Carlotta Felicia Itala von Haebler (*1991 in Göttingen) ist freie Künstlerin, lebt und arbeitet seit 2021 in Bremen.
Persönliches Statement
Mein künstlerisches und wissenschaftliches Interesse gilt dem Subjekt und seinen Transformationsmöglichkeiten. Ich beziehe mich dabei auf philosophische und psychoanalytische Ansätze, wie Deleuzes/Guattaris „Subjekt im Werden“(1980) oder Jacques Lacans „gespaltenem Subjekt“(1936). Ich frage nach der Vielheit des Seins, wie Identität in zeitgenössischen Gesellschaften entsteht und sich formt und wie sich das Subjekt in unterschiedlichen Relationen zeigt. Welche Glaubenssätze und Strukturen bestimmen das Subjekt und wie lassen sich diese kritisieren und in Bewegung bringen? Wie kann sich das Subjekt in Relation zur eigenen Geschichte, gesellschaftlichen Normen, Ideen und Konzepten selbstermächtigen und bewegen? Mich interessieren dabei Grenzüberschreitungen, gesellschaftliche Tabus, wie tabuisierte Gefühle, Wünsche oder Handlungen. Insbesondere arbeite ich mit der Inszenierung von Trauer und Schmerz, Gefühle, die sich an den Grenzen des Subjekts ansiedeln und dadurch das Potenzial zu Selbstermächtigung und Transformation bergen. Ausgehend von diesen Überlegungen entwickele ich Malereien, Texte und Performances. Meine Positionierung während des Tuns spielt eine zentrale Rolle. Ich versuche mich permanent in einem Dazwischen zu halten, in Bewegung zu sein, meine eigenen gedanklichen Wege wahrzunehmen, sie zu subvertieren und bewusst zu überschreiten. Kurz, ich versuche die Thesen zum „Subjekt in Bewegung“ in meiner künstlerischen Praxis umzusetzen und stelle mich ihnen körperlich. In diesem Arbeitsprozess entstehen u.a. Bewegungsabläufe, Texte, Malereien, Notizen, Filmschnipsel, welche alle gleichermaßen Anteil an meinem Endprodukt haben. In Installationen im Raum bringe ich diese zusammen, dabei ist mir die akribische Inszenierung jedes einzelnen Elements wichtig. Meine Installationen und Performances sind 3D Malereien, in welchen mein Körper selbst das bewegte und bewegende Element sein kann.
Über meine Arbeit
Extime Begegnungen
»Ich gehe hin und es passiert.« In meinen Notizen entdecke ich mehrere solcher Sätze. Carlotta von Haebler hat oft auf meine Frage so geantwortet. Daraus ist immer ein anregender Dialog entsprungen. Sie geht hin, setzt sich hin und es passiert. Sei es das Schreiben, Zeichnen oder der Prozess, aus dem ihre Performances entstehen. Etwas treibt sie, sich dem es auszusetzen. Diese Weise klingt sehr intim, aber es ist vielleicht besser sie als extim, um mit Lacan zu sprechen, zu bezeichnen. Denn Carlotta scheint gar nicht aus einem intimen Raum zu handeln, sondern sich von jenen Kräften treiben zu lassen, die die Grenze zwischen Innen und Außen immer umschreiben, verschieben, neu verhandeln. Die intimste Einstellung enthüllt sich als eine, die nach Außen blickt; Die Grenze zwischen intim und fremd ist nicht fest. Sie lässt diese zu dem Punkt werden, wo Rück- und Vorderseite, innen und außen, persönlich und öffentlich ununterscheidbar werden. Die Grenze wird zum Umkehrungspunkt einer topologischen Fläche. Ihre Werke haben dieselbe Bereitschaft zu einer Fläche zu werden, in die sich etwas einschreiben kann. Wer oder was schreibt sich dadurch ein? Sie? Ihre Erfahrung? Weder noch und gleichzeitig beide und noch etwas dazu und vielleicht auch etwas weniger. Sie überlässt sich ihrer Relation zur Welt. Hat das Subjekt wirklich eine andere Chance? Was uns zum Subjekt macht, kommt von der Sprache, vom Außen, von der Vergangenheit, vom Vulkan, vom Meer, vom Berg. Die Grenze zwischen Subjekt und Welt wird immer wieder erneut verhandelt. Was für ein Subjekt ist das der Kunst? Carlottas Werke laden mich ein, diese Frage zu stellen. »Ich gehe hin und es passiert.« Ohne hinzugehen und sich überraschen zu lassen, ohne sich hinzusetzen und aufzuschreiben, ohne das Risiko einzugehen, dass es passieren kann (aber auch nicht), gibt es kaum die Möglichkeit dem Subjekt des Begehrens in der Kunst nachzuspüren. Denn das Begehren bleibt unbewusst. Dem Begehren nachspüren geht nur durch das Risiko, uns vom Unbewussten ein bisschen treiben zu lassen.
Autorin: Camilla Croce