Carlotta Felicia Itala von Haebler (*1991 in Göttingen) ist freie Künstlerin, lebt und arbeitet seit 2021 in Bremen.
Statement
Meine künstlerische Praxis umfasst Performance, Malerei und Installation.
Im Zentrum steht die Frage, wie Körper, Erinnerung und Identität durch gesellschaftliche Normen und Ordnungen geformt werden. Körper speichern Erfahrungen; individuelle und kollektive Geschichte, Anpassung und Gewalt schreiben sich in sie ein. Ausgehend von diesen Körperlichen Einschreibungen, bewegen sich meine Arbeiten entlang von Brüchen, Rissen und Öffnungen, nicht, um sie zu schließen, sondern um sie offenzuhalten, denn in ihnen werden Erschöpfung, Verletzlichkeit und Widersprüche sichtbar. Mein eigener Körper dient mir dabei als Material und Versuchsanordnung. Ich verstehe ihn als verletzliche und zugleich erzählerische Oberfläche, die sich erst in Relation zu ihrer Umgebung und durch Austausch mit ihr beschreibt. Schmerz, Scham, Trauer und Verletzlichkeit werden an ihm sichtbar – nicht als Defizite, sondern als Erfahrungen, in denen sich gesellschaftliche Machtverhältnisse und Formen von Gewalt einschreiben. Gerade dort, wo der Körper seine Grenzen zeigt, können diese Verhältnisse sichtbar und ihre vermeintliche Selbstverständlichkeit infrage gestellt werden. Verletzlichkeit wird damit zu einem möglichen Ort von Widerstand und Transformation. Ebenfalls nutze ich gefundene und gesammelte Materialien, an denen bereits Spuren von individueller und kollektiver Geschichte haftet und werden zu Trägern von Erinnerungen, die sich ihrer eindeutigen Lesbarkeit entziehen. Natur begegnet mir dabei als eigenständige Kraft, an der sich soziale Ordnungen messen lassen und das gewaltsame Ausmaß normativen Verhaltens sichtbar wird. Naturphänomene nutze ich somit sowohl als Modelle für Transformation, Erosion, Wachstum und Zerfall, als auch als konkrete Materialien. In meiner künstlerischen Praxis suche ich nach Momenten, in denen Ordnungen instabil werden, Bedeutungen kippen und neue Formen des Denkens und Handelns möglich werden. Indem ich verdrängte, widersprüchliche oder gesellschaftlich als unangemessen geltende Emotionen und Erfahrungen sichtbar mache, möchte ich Räume öffnen, in denen Handlung, Widerstand und Transformation denkbar und erlebbar werden.
Über meine Arbeit
Extime Begegnungen
»Ich gehe hin und es passiert.« In meinen Notizen entdecke ich mehrere solcher Sätze. Carlotta von Haebler hat oft auf meine Frage so geantwortet. Daraus ist immer ein anregender Dialog entsprungen. Sie geht hin, setzt sich hin und es passiert. Sei es das Schreiben, Zeichnen oder der Prozess, aus dem ihre Performances entstehen. Etwas treibt sie, sich dem es auszusetzen. Diese Weise klingt sehr intim, aber es ist vielleicht besser sie als extim, um mit Lacan zu sprechen, zu bezeichnen. Denn Carlotta scheint gar nicht aus einem intimen Raum zu handeln, sondern sich von jenen Kräften treiben zu lassen, die die Grenze zwischen Innen und Außen immer umschreiben, verschieben, neu verhandeln. Die intimste Einstellung enthüllt sich als eine, die nach Außen blickt; Die Grenze zwischen intim und fremd ist nicht fest. Sie lässt diese zu dem Punkt werden, wo Rück- und Vorderseite, innen und außen, persönlich und öffentlich ununterscheidbar werden. Die Grenze wird zum Umkehrungspunkt einer topologischen Fläche. Ihre Werke haben dieselbe Bereitschaft zu einer Fläche zu werden, in die sich etwas einschreiben kann. Wer oder was schreibt sich dadurch ein? Sie? Ihre Erfahrung? Weder noch und gleichzeitig beide und noch etwas dazu und vielleicht auch etwas weniger. Sie überlässt sich ihrer Relation zur Welt. Hat das Subjekt wirklich eine andere Chance? Was uns zum Subjekt macht, kommt von der Sprache, vom Außen, von der Vergangenheit, vom Vulkan, vom Meer, vom Berg. Die Grenze zwischen Subjekt und Welt wird immer wieder erneut verhandelt. Was für ein Subjekt ist das der Kunst? Carlottas Werke laden mich ein, diese Frage zu stellen. »Ich gehe hin und es passiert.« Ohne hinzugehen und sich überraschen zu lassen, ohne sich hinzusetzen und aufzuschreiben, ohne das Risiko einzugehen, dass es passieren kann (aber auch nicht), gibt es kaum die Möglichkeit dem Subjekt des Begehrens in der Kunst nachzuspüren. Denn das Begehren bleibt unbewusst. Dem Begehren nachspüren geht nur durch das Risiko, uns vom Unbewussten ein bisschen treiben zu lassen.
Autorin: Camilla Croce